Opiniones

Comentarios de usuarios

Crítica de los usuarios - Marcar como inadecuado

Rezension von Hagen Schulze in :Historische Zeitschrift Bd. 230, 1980, S. 487 f.
Die Vorstellung gehört zu den herrschenden Stereotypen der Geschichte der Weimarer Republik, die erste deutsche
Demokratie sei vornehmlich daran gescheitert, dass ein konservativ gestimmter Beamtenapparat und somit auch eine restaurativ gesonnene Lehrerschaft aus der wilhelminischen Ära übernommen worden seien, die das ihre zum Scheitern der Republik beigetragen hätten. Ist diese These schon, was die staatliche Bürokratie angeht, in jüngerer Zeit verschiedentlich mit Fragezeichen versehen worden, wenngleich hinreichende Untersuchungen noch ausstehen, so erweist die Münsteraner Dissertation Rainer Böllings für den Fall der Volksschullehrer deren völlige Haltlosigkeit. Der Vf. geht auf einer breiten Quellengrundlage und methodisch vorzüglich reflektiert vor, er analysiert die soziale Lage der Volksschullehrer vor 1918 und deren Veränderungen während der Weimarer Zeit anhand der wesentlichen Parameter mit wohlausgewertetem statistischem Material, um anschließend die Entwick­lung des Lehrerverbandswesens seit 1918 und seine Verflechtungen mit den politischen Parteien zu beleuchten. Den Kern der Arbeit bilden zwei fallstudienartig ausgearbeitete Kapitel, in denen die Veränderung der politischen Mentalität der Volksschullehrerschaft an konkreten Einzelproblemen sichtbar wird, an den Fällen der Auseinandersetzungen um das Reichsschulgesetz und des Kampfes um die Akademisierung der Lehrerausbildung. Das Ergebnis dieser Betrachtung aus mehreren Blickwinkeln lautet: die in ihrer Mehrzahl linksliberal orientierte Volksschullehrerschaft hoffte nach der November­revolution, im neuen Staat ihre lange gehegten Zielvorstellungen einer materiellen und sozialen Besserstellung verwirklichen zu können. Dazu gehörte die Hoffnung auf die Einführung der weltlichen Einheitsschule als Regelschule und die Vereinheitlichung der gesamten Lehrerschaft auf der Grundlage einer obligatorischen Hochschulausbildung. Diese Hoffnung begründete die enge Affinität der meisten Volks­schullehrer zur Deutschen Demokratischen Partei, die relativ starke Vertretung der Volksschul­lehrerschaft in den sozialdemokratischen und demokratischen Parlamentsfraktionen und somit auch generell ihre Option für den Weimarer Staat. Die Aufstiegserwartungen wurden jedoch weitgehend enttäuscht; Einheitsschule und einheitlicher Lehrerstand, also die Gleichstellung mit den Gymnasial­lehrern, blieben ein Traum, und die Emanzipation der Volksschulen von kirchlichem Einfluß scheiterte am starren Widerstand der Zentrumspartei. So ergab sich erst im Verlaufe der 20er Jahre jenes Mittel­standssyndrom der enttäuschten Aufstiegshoffnungen, der Proletarisierungsfurcht und der materiellen Nöte auch für die Volksschullehrerschaft, das diese wie andere Mittelstandsgruppierungen anfällig für die Versuchung des Nationalsozialismus machte. Diesen Ablauf schildert der Vf. sachlich und methodisch überzeugend, nüchtern reflektiert und in einer klaren, unprätentiösen Sprache: ein beispiel­haftes Stück Sozialgeschichtsschreibung, das über seinen eigentlichen Gegenstand hinaus wesentliche Einsichten zur Mittelstandsproblematik der Weimarer Zeit vermittelt. 

Todos los comentarios - 1
4 estrellas - 0
3 estrellas - 0
2 estrellas - 0
1 estrella - 0
Sin calificación - 0

Todos los comentarios - 1
Comentarios editoriales - 0

Todos los comentarios - 1