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40 Ueber die wechselseitige Einwirkung von Böhmisch und Deutsch. die dem feinen Dhre des Slawen fehr auffällig ift. Der Böhme spricht nämlich die Tenues ohne allen nachfolgenden Hauch, obgleich scharf von den Mediä geschieden, und dann klingen sie sehr vers schieden von unseren deutschen sein sollenden Tenues, die in

der That mehr Aspiraten sind. Diese Aussprache ist namentlich beim k fehr ins Ohr fallend, der Böhme überträgt sie gern ins Deutsche, so wie uingekehrt der Deutsche Mühe hat die Aussprache der reinen Tenues fich anzueignen. Ich gestehe, daß mir erst aus flawischein

, Munde klar geworden ist, wie eine echte Tenuis flinge. Wie ges sagt, hat sich diese Aussprache dem Deutschen nicht in weiterer Auss dehnung mitgetheilt.

Dagegen herrscht in hiesigen Landen eine wahre Scheu vor dem Artikel (der Böhme hat noch feinen Artifel), noch mehr aber vor dem Pronomen der angeredeten Person. Es gilt als unfein von diesem Pronomen Gebrauch zu machen, anstatt dessen seßt man den Titel und redet in der dritten Person („ der Herr Professor wünschen“) oder man läßt es geradezu aus: „Leben wohl, bleiben wohl auf “ u. dergl. Diese Redeweise ist weit über die Gränzen Böhmens hinaus verbreitet, über Desterreich (Wien) und vielleicht selbst über die südlicheren Kronländer. In dieser Gewohnheit das „Sie" wegzus laffen, erkennen wir einen Slawismus, da das Böhmische nur auss nahmsweise, und in den angeführten und ähnlichen Wendungen nie, das Pronomen zum Verbum feßt. Was der Artikel beim Nomen, ist das Pronomen personale beim Zeitwort; der Einfluß des beide nicht besigenden Böhmisch auf das Deutsche ist in beiden Beziehungen vollständig parallel.

Noch entschiedener tragen folgende Ausbrucsweisen den flawischen Typus an fich, die ebenfalls meistentheils auch im Wiener Deutsch, ja auch in gedruckten Büchern hier und da zu finden sind. Für „nicht einmal" wird gemeiniglich , weder“ geseßt: , er hat mir weder einen Kreuzer gegeben,“ weder – noch ist slaw. ani — ani, ani heißt aber auch nicht einmal," so seßt man weder = ani; der obige Saß heißt z. B. böhmisdy: ani krejcar mne nedal. Bits ten, wünschen u. dergl. Verba werden stets mit damit" statt mit „daß“ construirt, entsprechend dem flaw. aby, welches beide Bedeutungen hat; ,ich bitte, damit," prosím, aby u. s. w. – Der Cons junctiv wird mit „möchte“ umschrieben, wie im Slawischen mit bych, bys, by, z. B.; Wenn schreiben möchten kdybyste psal

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Uteber die wechselseitige Einwirkung von Böhmisd und Deutsch. wenn Sie schrieben. Die auf allen österreichischen Speisezetteln figurirenden Adjectiva: ,,kälbernes, schweinernes" 2c. d. h. Fleisch für Kalbfleisch, Schweinfleisch entsprechen den Adjectiven, welche der Slawe ftatt der deutschen Zusammenseßung braucht: tilecí, reproví

= Ralbs, Schweinfleisch). ,, Auf" für „zu, für," Z. B. Geld auf Holz, peníze na dríví. – „Ich stehe nicht darum“ = 0 to nestojím d. i. frage nichts darnach, achte es gering.

ES steht nicht dafür" = za to nestojí D. h. es ist es nicht werth, verlohnt fich nicht; státí za neco, etwas werth sein. – „Ich bin gern" prem rád, für: es ist mir lieb; dieß kommt daher, daß in der häus figen Redensart mán rád leşteres Wort dem deutschen , gern“ ents spricht. Geben“ für seßen, legen, stellen, stecken u. f. w., z. B. gieb es auf den Tisch, in die Taschen dej na stul, do kapsy. ,,Schon nicht" für nicht mehr (das Böhmische stimmt in dieser Ausdrucksweise ganz zum Lateinischen); jiz ne = jam non, nicht mehr. - ,,Die Zeit, was er bort war" und ähnlicher Gebrauch von ,,was"

böhmisch co z, B. cas, co tam byl. Da die doppelte Negation im Böhmischen noch ießt durchaus gelegt wird, so weiß man nicht, soll man die entsprechende Construction im hiesigen Deutsch wie im übrigen deutschen Sprachgebiete für einen Archaiomuß oder für einen Bohemismus erklären. Die oben angeführten Ausdrucøweisen, denen gewiß noch viele beigefügt werden könnten, find also ja nicht als deutsche Eigenthümlichkeiten des österreichischen Dialektes zu fassen, sondern es sind Slawismen, auf welche demnach ein Dialeftforscher ein wachsames Auge haben muß. Aehnliches findet sich gewiß an allen Sprachgränzen, so ist mir aus dem rheinländischen Deutsch die Wendung „ich habe falt, warm," ein entschiedener Gallicismus, noch sehr wohl in Erinnerung.

Noch schlimmer als das Deutsche durch Slawismen wird das gewöhnliche Böhinisch, namentlich hier in Prag, durch Germanismen verunziert. Wie schon erwähnt, ist die Einmischung des Deutschen in das Böhmische lerifalischer und syntactischer Art. Eine Unmasse deutscher Worte werden ohne weitere Umstände ins Böhmische hers übergenommen, nicht selten hört man Säße wie: on mne kränkoval a angreifoval (er frånfte mich und griff mich an), on übersetzoval u reichstagu (er übersepte beim Reichstage) u. s. w., obwohl die böhmische Sprache für alle diese Begriffe oft mehr als einen Aus. drud bietet. Unser deutsches gar“ (freilich unüberseßbar – ich wüßte

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Uleber die wechselseitige Einwirkung von Böhmisch und Deutsch. keine Sprache, die dieses Wörtchen völlig wiederzugeben im Stande wäre), ferner das mundartliche , halt“ werden so wie „ja" in der Form von: gor, holt, jo völlig wie böhmische Wörter gebraucht, z. B.: to je gor hezké, das ist gar hübsch, proc ne gor, warum nicht gar. Auch „zu“ beim Adjectiv, so wie „gut“ als Adverbium sind übergewandert. Aus fyntactischen Germanismen wähle ich nur einen der greulichsten aus, nämlich den Gebrauch des Plurals des Pronomens on, er, also oni für alle Geschlechter als wörtliche Uebers feßung des deutschen „Sie“ in der höflichen Anrede. Der gebildete Böhme bedient sich wie der Franzose, Engländer 24. der zweiten Pers. Pluralis in der Anrede, der geringe Mann fühlt sich durdy solche Anrede aber leicht zurückgefeßt und hält oni (oder nach hiesiger Aus: sprache voni) für feiner. Dieser Germanismus verursacht nun Säße z. B. folgender Art: kdyby voni tak dobrá byli, wörtliche Uebers . feßung von: wenn Sie so gut wären, in der Anrede an eine Frau; eine Construction, die sich lateinisch etwa so ausnehmen würde: si i tam bona essent (denn voni ist plur. masc., dobrá sing. fem.). Dagegen ist es ein Verstoß Gebildete auf diese Art anzureben; im höheren Umgange enthält man sich aller Germanismen *).

Prof. Dr. Schleicher.

Prag.

*) Einen scherzhaften Bohemismus habe ich oben übergangen. Zu den zahlreis

chen bekannten Wendungen, die die deutsche Sprache besigt, um auszudrücken: einen Rausch haben, kommt noch folgende, in Deutschland unerhörte, nämlich: einen Affen haben. Dieß ist die wörtliche Ueberseßung des böhmischen míti opici was im Böhmischen ein Wortspiel ist (opice Affe; opily betrunken), melches natürlich in deutscher Ueberseßung wegfält.

Die historische Entwickelung

der

dän isden & driftspra de

von

C. Molbech.

Deutsch mitgetheilt von Dr. Edmund Zoller.

Ciascuna cosa studia naturalmente alla sua conservazione; onde -se'l volgare per se studiare potesse, studierebbe a quella; e quella sarebbe, acconciare se à più stabilità. Dante, il Convito. I, c, 13.

1. Die dänische Schriftsprache, das Organ für die Literatur, wie sie gegenwärtig gäng und gäbe ist, und wenn man aus der Sprachgeschichte einen Schluß ziehen darf

, wie sie für die dänische und norwegische Nazion gemeinsam bleiben wird, muß als die neuste aller europäischen betrachtet werden. Die Schrift: sprache selbst kann man jedoch etwas älter nennen, als die Literatur. Diese beginnt ihre Entwickelung vollständiger erst von der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts an; eine dänische Schriftsprache gab es jedoch, obwol beschräuft und ohne Reichthum bereits im sechszehnten Jahrhundert. Sie blieb in dieser ungünstigen Lage, unterdrückt und arm durch die gelehrte Literatur, die sich der lateiniIchen Spradie bediente und an der auch Dänemark im 16. und 17. Jahrhundert sich nicht unbedeutend betheiligte; in ihrer Ausbildung schloß fie fich jedoch (bereits vor luthers Zeit) an die hochdeutsche, wie früher schon an die niederdeutsche Sprachentrickelung; aber sie bewahrte sich in jenen Jahrhunderten großentheils eine mehr dänische Eigenthümlichkeit in der Sprachbildung und dem geringeren Wörtervorrath, als zu der Zeit, da unsre Schriftsprache nach einem bedeutenden Sinken zu barbarischem und pedantischen Sprachverderben, in welchem sie mit Deutschland Schritt hielt, sich zu heben und zu literarischer Entwickelung zu entfalten begann.

Was hier in den allgemeinen Grundzügen, mit wenigen Worten gesagt ist, wird durch das eine oder andre practische Erempel, das im Folgenden zitirt wer: den soll, Licht und Bestärkung finden. Beweise der Art sind nicht überflüssig. Die Sprachgeschichte wird bisweilen sehr willkürlich oder so behandelt, als ob die Quellen nicht vorhanden wären, weil sie für manche Leser schwer zugänglich sind.

Eine so späte Literaturbildung konnte nicht ohne eigenthümlichen und bedeutenden Einfluß auf die Schriftsprache sein. Es gab gegen die Mitte des 18. Jahr: hunderts bei uns kein Bezügniß zwischen dem Stoff, den wir von der geistigen und wissenschaftlichen Cultur Europas aufnehmen und uns aneignen mußten und zwischen der Sprachbildung, der man dazu bedurfte, um diesen Stoff in der Muttersprache zu bilden und bearbeiten. Hatte diese Bearbeitung und Bereicherung der Sprache im 17. Jahrhunderte auch nicht stagnirt, so hatte sie doch auch nicht Schritt gehalten mit der wissenschaftlichen Cultur, die einzelne Gelehrte durch den Besuch fremder Universitäten erwarben und die fie später durch lateinische Schristen in die Deimath verpflanzten; während es von der Mitte dieses Jahrhunderts an zum guten Ton gehörte, daß der Adel und die Vornehmen von ihren Reisen im Auslande zwar weniger Kenntnisse und hohe Bildung, aber desto mehr Verachtung und

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Gleichgültigkeit gegen die vernachlässigte und aus mehr als einer Sphäre verdrängte Sprache mit nach Hause brachten. Gerade wie jezt überhaupt in Europa die französische Sprache die lateinische in allen diplomatischen Verhandlungen ablöst, so wurde sie auch die allgemeine Hoffprache, während beim dänischen Hof von Friedrich III. Zeit an deutsch mehr und mehr zur täglichen Umgangssprache geworden und fich in der adeligen und vornehmen Welt verbreitete. Diese Noth der Tänischen Sprache machte sich bald so fühlbar, daß die Klagen über den vernachlässigten Gebrauch und den Verfall schon frühe (1674) laut wurden und zwar, w man es am wenigsten erwarten sollte, auf dem Satheder der Universität, in las teinischer Sprache, und von dänischen Gelehrten, welche ernstlich beklagten, was sie zu ändern, vor allen Andern, berufen waren. Es ist dies ein bisher in der Literaturgeschichte faum berührtes Phänomen, das wohl einer näheren Berührung werth ist.

2. Es mag uns sonderbar erscheinen, einen berühmten Professor der Kopenhagener Universitat mit seiner römischen Beredtfamkeit und Dialectif beweisen zu sehen, wie nothwendig und möglich es sei, die Sprache auszubilden, welche die Natur Jedem gegeben hat, während er zugleich das Verderbliche nachwies, was in Dem Vorurtheile liegt, die Landessprache sei geringer, als fremde und todte Spra: chen, die man erst lernen müsse. Aber es war mehë beklagenswerth, als sonder: bar, daß Nas mus Bartholin (einer der sechs gelehrten Brüder, der Söhne Caspar Bartholin's des Aelteren) selbst einen practischen Beweis davon abgeben mußte, daß er nicht im Stande rei, dem nachzuleben, was er Andern auf das Nachdrüdlichste einzuschärfen suchte. Dessenungeachtet müssen wir es merkwürdig genug finden, daß er bei dieser Gelegenheit nicht an sich selbst dachte und auch zu vergessen schien, daß er einen jüngeren Bruder – Thomas Bartholin hatte, Der durch zahlreiche lateinische Werte sich und seinem Familiennamen eine europäische Berühmtheit erworben hatte, welche damals nicht leicht übergangen werden konnte und von deren Glanz ein bedeutend Theil auf sein Vaterland fallen mußte. Aber Rasmus Bartholin, der nach der Sitte seiner Zeit seine mathematischen, phyfischen und medizinischen Schriften und Abhandlungen lateinisch herausgab, hat deshalb nicht minder tief gefühlt, was seine Landsleute überhaupt durch den Mangel an lesbaren Schriften in der Landessprache leiden mußten. Er war ohne Zweifel unter den Gelehrten des 17. Jahrhunderts der Erste, wenn nicht der Einzige, der vom wissenschaftlichen, wie vom populären Standpuncte mit academischer Gelehrsamkeit die Sache der Muttersprache vertrat und zu beweisen suchte, daß Bücher in dänischer Sprache geschrieben werden müßten, um einerseits das Volf an die Lectüre zu gewöhnen und dadurch dem entsittlichenden Müßiggang ents gegenzuarbeiten, wie ancrerseits um nüßliche Renntnisse, Einsicht und Aufklärung auch bei den arbeitenden Volksclassen zu verbreiten.

Er nennt zum Beispiel Aderbau und technische Künste als solche Gegenstände, deren Behandlung in dänischen Schriften sowol für diejenigen, welche darin ihre Erwerbsquellen suchen, als für des ganzen Landes Wohlstand von Nußen wären. Er, der selbst nicht weniger als zehn Jahre auf seine ausländischen Reisen und Studien verwandt hatie, entwickelt vom Standpunct des Patriotismus aus, wie Toch Alles, was man auf den langen und mühsamen Reisen im Ausland zu erreichen, kennen zu lernen, zu beschauen und sich anzueignen suche, feinen andern Zwed haben könne, als die Früchte davon zum Nußen des Vaterlandes zu verwenden; und daß es nicht genug sei, was man in Wissenschaften oder practischen Künsten zu wissen brauche, durch eine oft dürftige mündliche Unterweisung zu lernen; sondern man müsse weiter gehen durch eigne Grundsätze und Studien. Dazu brauche man Bücher in einer Sprache, die Allen zugänglich sei: und wie man gesehen, daß man über göttliche und religiöse Dinge dänisch schreiben könne, so müsse man alle nüßlichen Künste und Wissenschaften in dänischer Sprache behandeln. Um dies zu ermöglichen, dürfe man nur die Kräfte der Muttersprache benußen, dieses kostbare Eigenthum entwideln und bereichern und sich nicht durch das falsche Vorurtheil der Mangelhaftigkeit abschreden lassen. Durch den Gebrauch der Sprache werde ja eben diesem Mangel abgeholfen; und wenn man über ihre Unvollkommen:

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