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Aber 18 umschlich den Dichter noch ein Lauscher anderer Art! ein freundlich låchelnder Lauscher, den Jonson nicht so leicht abschüttelte. Es war ein römischkatholischer Priester, der den Weg zu der Zelle des feķerischen Schauspielers gefunden hatte und ihn wirklich bekehrte. Doch nicht für immer. Nadidem Jonson 12 Jahre Papist gewesen, trat er wieder zu seiner Mutterkirche über, und um die Aufrichtigkeit seiner Ilmkehr zu bekräftigen, leerte er bei dem ersten Abendmahl den geweihten Kelch bis auf die Neige. Ben war nicht der Mann, etwas halb zu thun. Bald darauf scheint er zu wiederholten Malen in Haft gelegen zu haben. Einmal zog er sich diese Strafe zu durch eine Schrift gegen die schottische Nation, weldje er gemeinschaftlich mit Chapman und Marston verfaßt hatte. König Jakob und die schottischen Hofleute waren empört über diese Kühnheit, und die unglücklichen Schriftsteller erwarteten nichts Geringeres, als daß man ihnen Nase und Dhreu abschneiden werde; aber der Zorn des Königs besänftigte sich, ohne eine - To grausame Nache zu nehmen. Nach der Freilassung gab Jonson feinen Freunden ein großes Gastmahl,' bei dem auch der alte Camden nicht vergessen war. Während des Gelages trank ihm feine. Mutter_zu, indem sie ihm zugleich ein Papierchen voll „guten Giftes" zeigte, welches sie sich und dem Sohne, für den Fall der Verurtheilung, in einen Trank hatte mischen wollen; denn „fie war keine feige Seele." Jonson muß ihr nachgeartet sein. Daß er gegen Schott: land schrieb, kam fast einem Vatermorde gleich, denn Jonson war von Geburt ein halber Schotte. Sein Großvater stammte aus Annandale und diente unter Heinrich VIII. Sein Vater verlor unter Mariens Regierung Besikthum und Freiheit; erst nach langer Haft erhielt er die Leitere zurück und bekleidete von nun an eine Stelle als Geistlicher. Aber er starb einen Monat vor der Geburt seincs berühmten Sohnes, die nach neueren Ermittelungen in das Jahr 1573 fällt:

B. Jonson liebte das Wandern. 1613 war er in Frankreich, wie wir aus einem der freien und seltsamen Bekenntnisse ersehen, welche er gegen Drummond machte.

Walter Raleigh, erzählt dieser, gab ihn seinem Sohne als Hofmeister und Begleiter auf einer Reise nach Frankreich bei. Der junge Bursch war voller Schelmstreiche und machte unter andečeir den Jonson einstmals so schwertrunken, daß dieser alle Besinnung verlor. Drauf lud er denselben auf einen Wagen, den zwei Schanzgräber durch die Straßen zogen, und zeigte an jeder Ecke dem Volfe feinen langhingestreckten şofmeister, indem er die lojeiten Bemerkungen hinzufügte.

Im Jahre 1618 machte Ben seine merkwürdige Fußreise nach Schottland. König Jakob hatte ein Jahr zuvor sein Geburtsland besucht, und der zum Hofmann gewordene Dichter hatte sehr wohl berechnet, daß er seinem Herrscher nicht minder als sich selbst einen Dienst leiste, wenn auch er seinen Stab nach dem Nor: den feße und Landschaft und Volt beschreibe, Die Reise, welche der 64jährige Johnson nach den Hebriden unternahm, ward als eine halbe Heldenthat bestaunt; aber der große Lerikograph reiste zu Roß, zu Wagen, hatte Führer und obendrein den unermüdlichen Boswell zum Begleiter und Fourier. Unser Dramatiker ging, und ging den ganzen Weg von der Themse bis zur Tweed und Forth allein. Er war von außerordentlichem Körperumfang, sein Bauch ein Berg, ein Fels sein Angesicht“ und

„Hundert grau und weißer Haare

Zählten fünf und vierzig Jahre.“ er blieb fünf Monate in Schottland, verließ es am 19. Januar 1619 und fam vielleicht drei Monate später in London an. Heitere Feste und Gelage des englischen Landadels verzögerten seinen Weg. Bei Drummond in Hawthornden blieb er mehrere Wochen. Dies war der leßte und zugleich der interessanteste seiner Ausfluge; detin Drummond zeichnete Einzelnes aus den vertraulichen Mittheilungen seines Gastes auf und bewahrte auf diese Weise manchen für die Charakteristik desselben bedeutsamen Beitrag. Man hat Drummond der Verrätherei beschuldigt: er habe Junson nur in der Abficht bei sich --festgehalten, um seine Schwächen und schiefen. Urtheile zu erlauschen und, zu verewigen. Aber diese Auflage, entbehrt

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allen Grundes. Drummond hat seine Memorabilien nie veröffentlicht, obgleich er Jouson um zwölf Jahre überlebte, und Nichts berechtigt 311 dem Verdachte, seine Aufzeichnungen seien ungenau gewesen. Daß ihr Eindruď für Jonsou im Ganzen ungünstig ist, kann man zugestehen, ohne den wirklichen Verdiensten beider Männer zu nahe zu treten. Die stolzen und oft seichten Bemerkungen Jonsons über Geis ster wie Shakespeare, Spencer und Andere find dem Kritiker offenbar mehr in uns bewachten Augenblicken entschlüpft, als daß Drummond darauf ausgegangen wäre, sie seinem Gaste abzulocken. Ueber Sidney, Raleigh, Bacon und andere Größen an Elisabeths Hofe hätte Jonson ohne Zweifel die anziehendsten Mittheilungen machen können; aber es sind deren sehr wenige. Von der jungfräulichen Königin felbst erzählt er unter Anderem: Elisabetts hat ihr Gesicht im Alter nie mehr ges jehen, wie oft sie auch den Spiegel befragte. Er war ein trügerischer Schmeich: ler: denn er zeigte ihr nur den Zinnober, mit dem man täglich ihre Wangen und zuweilen fogar ihre erlauchte Nase schminkte. Um die Weihnachtszeit pflegte sie Würfel zu spielen, und es wurden ihr dann Würfel untergeschoben, die auf jeder Seite fünf oder sechs Augen zeigten. Natürlich, daß sie dann gewann und fich einbildete, sie sei ein Liebling des Glückes. Man sieht, der sonst so mannliche Charakter dieser Regentin fonnte sich von weiblicher Schwäche nie befreien. Von Bacon erfahren' wir, daß er alle feine Reden aus den Fäden seiner Manteltroddeln gleichsam herauszwirnte: ein Zug, der, so unbedeutend er ist, inmerhin auf den gros Ben Mann ein eigenthümliches Schlaglicht wirft. Die ästhetischen Urtheile Jon: song waren parador und sagten Drummond keineswegs zu. Sie trugen dabei meist jenen Ton des Hochmuths und der Prahlerei, welcher den Kritiker so oft dem Zorne und dem Spotte seiner Zeitgenossen preisgab. Jonson war weit entfernt, dem Bilde zu gleichen, welches er in einer seiner Schriften von dem Kritiker ents wirft, wo es heißt: „ør muß gründlich gelehrt sein, damit er es nicht zu fcheinen braucht; Freisinnigkeit ziere sein Denfen und Freimuth seine Rede; er hüte sich fremdes Verdienst zu schmälern und eigenes zu preisen, doch warte er eifersüchtig feines Rufs und wie er keinen beleidigt, so dürfe ihn Reiner je beleidigen."

Indeß beurtheilte der schottische Dichter seinen englischen Bruder etwas zu hart und trug der Stellung und dem Charakter desselben zu wenig Rechnung. Er hätte fich eines (Endurtheiles enthalten sollen. Allerdings vergaß fich Ben wohl öfter über dem Glase, : und berauscht von der Erinnerung an so manches überwundene Finderniß, mochte er sich seiner Erfolge, seiner Talente

, seiner Gönner bisweilen allzulaut berühmen. Seine geringschäßigen Bemerkungen über große Zeitgenossen waren meist nur Einfälle beim Nachtisch und dürfen nicht in Anschlag gebracht werden gegen die ehrenvollen und freundschaftlichen Auszeichnungen, welche er dies sen Männern in seinen veröffentlichen Werken zu Theil werden läßt." Hier wird dem jugendlichen, vielbegabten Francis Beaumont und dem „milden Shakespeare“ ein volgerechtes Maß begeisterten Preises *).

*) Gervinus (Shakespeare I. 9.): „Niemand hat der Bewunderung der Zeitge

nossen schönere Worte geliehen als B. Jonson, der so oft als Neider und Gegner Shakespeares genannt worden ist

. In seinen Gedenkversen auf den gestorvenen Dichter hebt er ihn über sic englischen Dramatifer hinweg, die zu überbieten allerdings nicht schwer war; er will aber auch den donnernden Aeschylus, Euripides und Sophokles herausbeschwören und die römischen Tragöden, um seinen Kothurn die Bühne erschüttern zu sehen, und wenn er im Soccus auftrete, will er ihm Niemand unter den Älten vergleichen, noch was seitdem aus ihrer Asche entsprang. . „Triumphire, mein England! ruft er dann; Du hast Einen aufzuweisen, dem alle Bühnen (Europas huldigen müssen. (r war nicht Eines Zeitalters, sondern für alle Zeit. Noch waren alle Musen in ihrer Jugend, als er gleich Apoll oder Mercur hervortrat, unser Ohr zu entzücken. Die Natur jelbst war stolz auf seine Schöpfungen und freute sich, das Gewand feiner Dichtung zu tragen, das so rei und fein gejpounen war, daß sie seitdem keinen andern Geist mesr anerkennen will. Jonson hatte in Absicht, seine „Fußwanderung“' novellenartig zu verarbeiten. Er ging deshalb Drummond um Mittheilungen an und hatte seine Aufgabe bereits bis zu einem gewissen Punkte vollendet, als ein Feuer in seinem Hause ausbrach und so Bene Manuscripte verloren gingen. Geschichte, Dichtkunst, Sprachwissen schaft, Theologie,

Des Fleißes Ernt und der Gelahrtheit Schäße,
Die Carew, Gutton, Selden mir gelieh'n,

Das Alles, Alles war nun Ein Nuin ! und wie es in der herzhaften „Verfluchung Vulkans“ heißt

zu guter Left
Auch jenes Lied, was ich gesungen

Von meinen Schottlandswanderungen.
Es war ein bedeutender Verlust. Jonson verzweifelte ihn zu erseßen.

Dryden sagt in einer wohlbekannten Strophe, Genie und Wahnwiß seien Geschwister*).' Man hat diesen Saß von jeher mit dem vollsten Rechte bestritten; vielmehr ist wahres Genie immer verbunden gewesen und muß immer verbunden sein mit gesundem Herzen und gesundem Geiste. Selbst unter Englands rauhem Wulfenhimmel zeigt sich kein Zug jener unheilvollen Verwandtschaft bei wahrhaft großen und schöpferischen Geistern. Chaucer, Shakespeare, Fielding, Milton, Scott waren that und lebensfräftige Männer. Sie ließen sich durch Kothurn und Lorbeerkranz nicht behindern mit freiem, fichrem Schritt den Weg durch diese niedere Welt zu wandeln. Dennoch findet sich allerdings zuweilen auch bei begabten, aber anomalen Naturen, eine finstere Schwermuth und Gespensterscherei, die ihren crsten Ursprung in förperlicher Krankhaftigkeit hatte und durch Ausschweifungen gesteigert ward. So bei Johnson, Byron, Coleridge, so auch bei Ben Jon: son. Nur nahm seine Melancholie öfter einen seltsamen und phantastischen Charakter an. Ginst erzählte Drummond, daß er eine ganze Nacht im Anschaun seiner großen Zehe durchwacht habe, auf deren Nagelscheibe Tartaren und Türken, Römer und Karthager in geisterhaften Geschwadern wider einander gestürmt seien. Ergreifender und ahnungsvoller ist folgender Zug:

Im Jahre 1603, als die Pest in London herrschte, verweilte Jonson mit seis nem alten Freunde Camden auf dem Landgute Robert Cottons. Da erschien dem (orgenvollen Dichter in einer Vision sein ältester Snabe, der in London zurückges

Der beißende Aristophanes, der zierliche Terenz, der wißige Plautus gefallen nicht mehr; fie liegen veraltet und verlassen, als wären sie nicht von der Familie der Natur. Und doch darf ich der Natur nicht Alles zuschreiben; auch seine Kunst muß ihr Theil behalten, denn obwohl Natur der Stoff des Poeten ist, so giebt seine Kunst doch die Form hinzu * der wahre Dichter ist eben so sehr gebildet als geboren : und ein solcher war Er! Sich, wie des Vaters Antliß in feinen Nachkommen fortlebt, so erscheint das Geschlecht von Shakespeares Geist und Sitten glänzend in seinen wohlgefeilten Bersen, in deren jedem er einen Speer zu schütteln scheint (Shakespeare = Speerverschütterer), wie geschleudert in das Auge der Unwissenheit. Süßer Schwan vom Avon! welch ein Anblick wäre es, Dich in unseren Wassern noch in jeuem Flug zu sehen, der unsere Elisa und unseren Jakob so dahinriß! Duch nein! ich sehe Dich als ein Sternbild an den Himmel verseßt: dort leuchte, Stern der Dichter, und übe Deinen Einfluß von da, in Liebe und Strenge, auf die sinkende Bühne, die feit Deinem Tode getrauert hätte wie die Nacht oder der Tag der Verzweiflung, wenn ničit das Licht Deiner Werke hinter

blieben wäre.“ 9) Auch Jean Paul macht Genie und Krankheit zu Milchbrüdern, und Herder

hoffte, von den Vorstehern der Toll- und Siechhäuser rie frappantesten Bei: träge zur Geschichte des Genies aller Zeiten und Länder zu erhalten!

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blieben war. Ein blutiges Streuz.stand, wie mit dem Schwerte eingeschnitten, auf der Stirn des Kindes. Jonson erbebte und betete faut. Am andern Morgen ers zählte er sein Begegniß dem alten Camden, der ihm dasselbe als ein bloßes Schreckbild seiner aufgeregten Phantasie darzustellen suchte. Aber um dieselbe Zeit traf ein Brief von Jonsons Gattin ein und mit ihm die Nachricht von dem Tode des Knaben. Er war der Pest erlegen. Jonson erzählte, das sind sei ihm in jener Nacht mit einem männlichen Angesicht erschienen und ,, in cben der Größe, welche die Auferstandenen nach unserm Glauben haben“. Jonsou feierte sein Andenken in einigen rührenden Versen.

Sieben Jahre warst Du mir geliehn ;
Und ich zahle Dich zu rechter Stunde,
Da der Tod gebeut mit strengem Munde.
Seid vergessen denu ihr Wunnetage,
Da ich Dich gewiegt auf meinem Schooß!
Seid vergessen denn! ach id beklage
Nicht, ich neide nur Dein selig Loos,
Ungetrübt von saß und Leid der Erde,
Von des Alters fdleichender Beschwerde.
Ruhe sanft, Du lieber Kinab', und sage,
Tritt an Deinen Stein res Wandrers Frage:
„Hier liegt Jonsons edelstes Gedicht.
Was er liebt, so Lieb' ihm noch beschieden,

Glaube mir, er liebt zu viel es nicht.“ Diese Zärtlichkeit des rauhen, harten Mannes hat etwas Ergreifendes. Sein Herz saß auf der rechten Stelle. Den Titel „ehrenwerther Mann", der er besonders liebte, verdiente er im vollsten Maße. Freilich bereitete ihm sein Hang zu Gelagen und seine Unvorsichtigkeit vielfache Mißhelligkeiten und Gefahren, vor denen Shakespeare sein besserer Stern und feine Klugheit bewahrte. Aber er vers ließ sich auf seine Gönner, und er durfte es. Der Graf von Pembroke wies ihm jährlich 20 Pfund an, angeblich um ihm Bücher zu kaufen, in der That aber zu des Didyters eigenstem Gebrauch). Jonson war nicht unempfindlich für diese Feinheit, und es war ein Akt aufrichtiger Dankbarkeit, als er der Mutter des' Grafen jeues bekannte Epitaph septe:

Da schlummert sie! so vielbesungen!
Auch sie vom Schicksal nun bezwungen,
Des edlen Sohnes edle Mutter.
Fürwahr! der Tod muß selbst vergchn,
Eh' er wie sie so gut und schön

Auf Erden eine zweite findet! Auch der Graf Dorfet gehörte zu den Schüßern Jonsons, und ebenso erfreute er fich des Vertrauens und der interstützung Bacons und Raleighe. Man sieht: finanzielle Unabhängigkeit schien den Dichtern jener Zeit etwas ünerhörtes, fie lag jenseits ihrer Wünsche. Eine Schande war es nur, wenn man zu wenig, niemals, wenn man etwa zu viel erhielt. Zwar rühmte sich Jonson gern der Kühnheit, mit welcher er über die Laster der Zeit und über die elende. Sippe der Sykophanten und Dichterlinge jeine Geißel geschwungen; aber nichts desto weniger schmei: chelte er selbit dem gesammten Adel in der Runde auf das Bedste und zehrte zur Hälfte von dem Reichthum seiner Patrone.

Dabei ist es wohlthuend zu sehen, daß die vornehmen Gönner auch da des Dichters nicht vergaßen, als feine Scherze und seine schimmernden „Masken“ bez reits verblaßt waren und Krankheit und Mißmuth den Flug des Genius gelähmt hatten. Karl I. machte ihm einst ein Geschenk von 100 Pfund, und erhöhte das Gehalt feines gekrönten Jofrichters von 100 Marf auf die genannte Summe; zugleich überschickte er ihm einen Anker Sanariensekt, den Jonson außerordentlich geru tranf. Einer seiner freigebigsten und edelsten Freunde war der Graf von

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Newcastle. An ihn richtete Jonfon einst folgendes charakteristische Bittschreiben, welches sich jeßt unter den Handschriften des Britischen Museums befindet :

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Edler, Ehrenwerthester Lord! Da ich selbst faum noch ein leibhaftes Wesen bin, so verzeiht mir, wenn ich Eure Ruhe mit Schatten oder gar mit eines Schattens Schatten störe. AIS mich im Jahre 1628 der Schlagfluß getroffen hatte, machte mir Thomas Badger einen Fuchs zum Geschenk, den ich zahm zu machen suchte. Ich hoffte mich durch diese Beschäftigung zu zerstreuen und zugleich über die Natur des Thieres zu bez lehren. Da träumt mir nun heut Morgen und Ihr wißt, Morgenträume find immer wahr - heut also, im Jahre 1631, just am Dienstag vor Weihnacht träumt mir, daß mein Bedienter vor mein Bett tritt und mir ein Mal über das andere zuruft: Meister! Meister! der Fuchs ist redend worden! Ueberrascht springe ich auf und gehe in den Garten, um das Wunder mit eigenen Augen zu sehen. Da finde ich denn meinen Reinecke im Käfig und höre mit Erstaunen, wie er in den schnödesten Ausdrüden fein Schicksal verwünscht, das ihn in das Haus eines Dichters gebannt. Da gebe es nichts als leere Wände und die einzige Musik mache die Holzsäge, die Tag für Tag arbeite, um unbekümmert um Anderer Frost des gichtischen Meisters Kamin mit Feuerwerk zu versorgen. In diefer Weise er: goß sich das böse Thier weiter, und ich sah leider, daß es seinem Herrn im Fabus liren um ein Beträchtliches überlegen sei. Ich gab gute Worte, schmeichelte und streichelte; aber Reinecke erwiderte knurrend, damit sei es nicht abgethan, er verlange fein Lohn. Ergrimmt gebot ich ihm zu schweigen und schalt ihn ein stins fend Ungeziefer. r aber antwortete mir mit höhnischem Grinjen: Schaut in Guren Keller oder, wie Ihr poetischer Weise zu sagen beliebt, in Cuer Vorrathss haus, da werdet Ihr noch ein übleres Geziefer finden. Sogleich rief ich nach einem Licht, stieg hinunter und fand den ganzen Fußboden dermaßen aufgewühlt, als ob ein Heer von Maulwürfen oder Minirern darin gehaust hätte. Ich schickte auf der Stelle in die Tuttlestraße zu Sr. Maj. Oberhof-Maulwurføjäger, mich von den Unthieren zu erlösen. Dieser ersdien, betrachtete die Verwüstung, nahm eine Handvoll Erde auf, beroch sie und sagte endlich: „Meister, 68 steht nicht in meiner Macht den bösen Wurm zu tilgen; Euch vermag nur der König oder ein anderer hoher Herr zu helfen. Dieser Wurm ist Hunger geheißen *), er führt gar scharfen Zahn und wird Euch sammt Weib und Kind verzehren. dafern Ihr nicht bei Zeiten darzuthut. Gott befohlen!" sagte er und ging 'von dannen. Da wachte ich auf aber schaut! gnädiger Herr, der Traum war eine Wahrheit. Denn in meinem Hause wohnt und nagt der Hunger, und derhalben muß ich (Such, edler Lord und nächst Sr. Maj. mein treuster Schützer, das Stüclein erzählen. Ich vermesse mich nicht, von Eurer Herrlichkeit Etwas borgen zu wollen, was ich nicht wieder bezahlen kann; aber meine Noth ist so groß, daß ich freundlich gebe: ten haben möchte, mir zu geben, was Eure Güte beliebt. Des bleibenden Danfes haltet Euch versichert von

Ew. Herrlichkeit
Westminster, am 20. Dec. 1631.

Senecht.

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*) Das Driginal hat hier ein Wortspiel, welches ich um so mehr bedaure nicht

wiedergeben zu können, als grade darin die Spiße der komischen Wirkung liegt. Das Wort want ist nämlich einmal der englische Name des Maula wurfs“, sodann aber bedeutet es „Armuth, Mangel, Noth“. Im Deutschen ist mir ein entsprechender doppelsinniger Ausdruck nicht bekannt; eine Art Parallele möchte etwa unsere „Sirchmaus“ bieten, die im Sprüchwort als Bild der Armuth gilt. Die Uebersepung hinkt daher nur mühsam nach, trok: dem sie sich erlaubt hat, ftatt Noth, Hunger zu seßen, dem wir allerdings ein Nagen und Zehren zuschreiben.

M. Archiv f. n. Spradjen. IX.

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